Krieg in Europa und die Zinswende im Jahr 2022

Posted on 1. März 2022 · By s.ott · In Immobilienkauf

Voranzustellen ist, dass der barbarische Überfall Wladimir Putins auf die friedliche Ukraine ein abscheuliches Kriegsverbrechen darstellt, das unermessliches menschliches Leid verursacht. Deutschland kann sich glücklich schätzen, bislang nicht selbst von militärischer Gewalt betroffen zu sein.

Trotz dieser katastrophalen Ereignisse in Europa ist es notwendig, sich weiterhin mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen. Nachfolgend betrachten wir daher die Auswirkungen des Krieges auf die geldpolitische Entwicklung und insbesondere auf die Bauzinsen in Deutschland.

In unserem Beitrag zum Jahreswechsel 2021 / 2022 hatten wir darauf hingewiesen, dass EZB-Präsidentin Christine Lagarde im Dezember 2021 betont hatte, es sei unter den damaligen Umständen sehr unwahrscheinlich, dass die Zinsen im Jahr 2022 angehoben würden. Entsprechend wurde eine stabile Entwicklung der Bauzinsen erwartet.

Mit dem Beginn des Krieges zwischen der Ukraine und der Russischen Föderation Ende Februar 2022 haben sich diese „gegenwärtigen Umstände“ jedoch grundlegend verändert.

Internationale Geldpolitik und US-Zinsentwicklung

Unverändert blieb zunächst die Erwartung, dass die US-Notenbank FED im Jahr 2022 mit Zinserhöhungen beginnen würde. Hintergrund ist die anhaltend hohe Inflation in den USA, die deutlich über dem angestrebten Zielwert von 2 Prozent liegt.

Gleichzeitig erholte sich der US-Arbeitsmarkt deutlich, sodass Fachleute für 2022 mit fünf bis sieben Zinsschritten der FED rechneten. Aufgrund der hohen Inflation wurde bereits im März 2022 ein größerer Zinsschritt von rund 0,5 Prozentpunkten nicht ausgeschlossen.

Unabhängig von der US-Geldpolitik waren auch in Deutschland die Bauzinsen in den ersten Wochen des Jahres 2022 bereits um mehr als 0,5 Prozentpunkte auf etwa 1,6 Prozent angestiegen.

EZB, Ukraine-Krieg und geldpolitische Unsicherheit

Grundsätzlich befand sich die Europäische Zentralbank bereits auf dem Weg einer geldpolitischen Normalisierung. Die entscheidende Frage war jedoch, welche Auswirkungen die unerwartete Eskalation des Ukraine-Krieges auf diesen Kurs haben würde.

Bereits am 24.02.2022 trat der EZB-Rat informell zusammen. Am darauffolgenden Tag erklärte EZB-Präsidentin Lagarde sinngemäß, dass die Notenbank alles Notwendige tun werde, um Preis- und Finanzstabilität zu gewährleisten.

Mitglieder des EZB-Rates äußerten sich in der Folge zurückhaltend. Während von einem „Kriegsschock“ gesprochen wurde, betonten andere, dass der Kurs der geldpolitischen Normalisierung grundsätzlich beibehalten, jedoch in seinem Tempo angepasst werden könne.

Vor dem Hintergrund eines erwarteten Rückgangs des Bruttoinlandsprodukts und gleichzeitig weiter steigender Inflation – insbesondere durch höhere Energiepreise – wurde damit gerechnet, dass die EZB zwar Maßnahmen in Richtung strafferer Geldpolitik beschließen, jedoch keine drastischen Schritte unternehmen würde.

Auswirkungen auf Bauzinsen

Seit Beginn des Krieges wurden Bundesanleihen verstärkt als sichere Anlageform nachgefragt. Die gestiegene Nachfrage führte zu sinkenden Renditen. So ging die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen am 24.02.2022 um rund 10 Basispunkte auf 0,14 Prozent zurück.

Da sich die Entwicklung der Bauzinsen maßgeblich an den Renditen von Bundesanleihen orientiert, erschien es möglich, dass sich dieser Renditerückgang auch dämpfend auf die Bauzinsen auswirken würde.

Als kurzfristiges Ergebnis ließ sich daher festhalten, dass es trotz der dramatisch veränderten Sicherheitslage in Europa zunächst nicht zu weiteren signifikanten Steigerungen der Bauzinsen kommen dürfte. In der näheren Zukunft erschien sogar ein leichter Rückgang der Bauzinsen möglich.